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Die Schweinetrage

Auf dem Dorffriedhof in Tanggalan krächzte eine Krähe heiser von einer Kokospalme herab. Yu Tari hielt die Schweinetrage umarmt, schluchzte immer wieder, beweinente ihren Mann, der beerdigt werden sollte.
Ich drängte mich zwischen den Trauernden und den Grabsteinen hindurch zu Yu Tari. Yu Tari, Sulastri und ich waren die einzigen anwesenden Frauen. Ich griff nach der Schweinetrage, um Yu tari umarmen zu können, aber sie hielt sie fest umklammert. Als Yu Tari bemerkte, dass ich es war, die gekommen war, stellte sie die Trage rasch auf den Boden, um meine Umarmung zu erwidern und begann erneut zu weinen. Dabei kam kein Wort über ihre Lippen. Auch ich empfand keine Notwendigkeit, etwas zu sagen.
Hätte mein Flug keine Verspätung gehabt, wäre noch Zeit gewesen zuerst zu Yu Taris Haus zu gehen. Ich hätte mit der Familie und den Nachbarn von links und von rechts mitfühlende Worte gewechselt, bevor die Leiche Kang Tekos zum Friedhof gebracht wurde. Ich sehnte mich danach, wie früher mit ihnen zusammenzusitzen. Temon, Yu Taris Jüngster, war damals, als ich Tanggalan verlassen hatte, noch nicht zur Schule gegangen. Yu Tari war schon über 40 gewesen, als Temon zur Welt kam. Ich hatte viel von ihr gelernt, einer Mutter von 9 Kindern mit einem Ehemann ohne feste Arbeit, von der Teilnahme an Versammlungen mal abgesehen. Der verstorbene Kang Teko hatte fast jeden Tag an irgendeiner Versammlung teilgenommen. Versammlungen zu den verschiedensten Themen: Versammlungen zum Ziegenprojekt. Versammlungen der Samtgemeinde, Versammlungen einer Stiftung, Versammlungen der Potentiale, Versammlung der Bauerngruppe und viele andere mehr. Eigentlich war es keine Bauerngruppe, denn die meisten Mitglieder waren Landarbeiter. Sie arbeiten in der Landwirtschaft, besaßen aber kein Reisfeld. Doch die Regierung schien eine Allergie gegen das Wort Arbeiter zu haben, besonders in dem Dorf Tanggalan.
Die Versammlungen fanden meinst abends statt. Tagsüber war der verstorbenen Kang Teko und die Mehrheit der anderen Bewohner beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Oft verdingte sich eine Gruppe als Maurer. War ein Auftrag zu Ende, begannen sie beispielsweise als Schreiner zu arbeiten. Oder sie erfüllten hier und da Aufträge des Dorfbürgermeisters. Gab es keine gab, hatte der verstorbene Kang Teko den Hühnerstall gesäubert oder sich um den Garten rund um sein Haus gekümmert. Das Grundstück war von Kokospalmen umstanden, dazwischen Kemitirbüsche, orange Papayabäumchen und Moringabäume. Zudem gab es gelbe Kepokbananenstauden, einige Reihen Buttermaniok, Chili, Spinat und Ingwer. Japanischer Kürbis umrankte die Gartenlaube aus Bambus. Zwischen zwei Moringastämmen wuchsen junge Betelhalme und duftendes Pandanschilf gedieh zwischen den Steinen am Brunnenrand.
Trotz der misslichen Lage, oft kein Bargeld zu haben, konnte die Familie regelmäßig Reis mit Maniokblättern oder Spinat als Beilage essen oder Kürbis mit in Bananenblättern gedämpften Tofu oder Tempe. Erwarben sie Sardellen auf Pump, konnte die ganze Familie in Bananenblättern gedämpfte Sardellen essen. Als Nachtisch gab es sogar Papaya wie bei Familien der Mittelklasse in der Stadt. Abends gab es in Bananenblättern gedämpfte Bananen wie bei vornehmen Javanern. Sie genossen die außergewöhnliche Süße der gelben Kepokbananen und die Knusprigkeit der gebratenen Kokosmilch mit dem besonderen Pandanaroma. Morgens oder nachmittags wurden gebratene Bananen mit würzigem Ingwertee serviert. Den Kindern kamen die Nährstoffe der Eier aus dem Hühnerstall neben dem Haus in Form von Omeletts zu Gute. Dank des intelligenten Gartenmanagements von Kang Teko.
Später, wenn ich schon alt bin, möchte ich auch auf dem Land leben, mit einem großen wohlgeplanten Gemüsegarten. Ich müsste nur Reis und gesalzenen Fisch kaufen, schon könnte ich wie eine Adlige leben. Ich wäre keine Belastung für meine Kinder und könnte meinen Enkeln Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke machen. Umso mehr, wenn mein Mann wie der verstorbene Kang Teko in der Lage wäre Schweine zu züchten, dann könnte ich sparen, um mir eine Kette, einen Armreif und Brillantohrringe leisten zu können.
Der verstorbene Kang Teko hatte eigentlich gar keinen Plan gehabt, Schweine zu halten. Er hatte in seinem Leben nie etwas geplant. In einem Leben ohne feste Arbeit, war es nie sicher, wann Einkünfte kamen, von woher und in welcher Höhe. Solch ein Leben ließ keinen Raum für Planungen. Man konnte nur warten, wie man in der Trockenzeit auf die Tautropfen wartete.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Armen und Reichen. Die Reichen planen selbst, die Armen reagieren auf die Pläne anderer. Die Armen haben auch keine Ziele, denn Ziele sind untrennbar mit Plänen verbunden. Ohne Plan kein Ziel. Natürlich haben sie Ideen. Aber Ideen stehen Illusionen näher als Plänen. Arme Menschen sind also mit Illusionen sehr vertraut. Denn ohne Illusionen machte ihr Leben keinen Sinn. Für die Armen sind Illusionen eine stärkende Medizin, zugleich aber auch Gift, das sie am Leben hält. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Mächtige den Armen großzügig Illusionen anbieten. Wenn das Versprechen des Wohlstands nicht einzuhalten ist, geben sie ihnen Illusionen. Wenn eine Illusion nicht mehr wirksam ist, geben sie ihnen eine andere.
Doch Schweine waren für den verstorbenen Kang Teko keine Illusion. Er erwarb eine große Muttersau von einem Schweinezüchter auf der anderen Seite des Flusses. In die Jahre gekommene Sauen wurden für gewöhnlich sehr billig abgegeben oder sogar verschenkt. Früher einmal waren ein paar Ziegen einer Frauengruppe stark von Räude befallen. Kein Mitglied der Gruppe wollte sie mehr halten. Die Gruppe wollte sie auf den Markt zurückbringen, wobei sie großen Verlust gemacht hätten. Da bot sich der verstorbene Kang Teko an, sich um die Ziegen zu kümmern. Er baute ihnen einen Verschlag, neben dem Hühnerstall unter der Dachtraufe des Hauses. Innerhalb von drei Monaten waren die Ziegen genauso sauber und gesund wie vor der Krankheit. Trotzdem wollten die Frauen sie nicht wieder zurücknehmen. So vermehrten sich diese Ziegen im Stall von Kang Teko. Das züchterische Geschick Kang Tekos beeindruckte mich sehr. Daher dachte ich sofort an Kang Teko, als der Schweinehalter am gegenüberliegenden Flussufer seine Muttersau durch eine junge Sau ersetzen wollte. Ich kaufte die Sau für Kang Teko. Ich wollte sehen, was er mit dieser ausgemusterten Sau anfangen würde.
Zumindest hätte sich die Atmosphäre verändert, wenn ich Yu Taris Familie das nächste Mal besuchen würde. Das Grunzen eines großen Schweines, dass dumm und verloren wirkte, allein in einem Stall mit Fliesenboden – dem ehemaligen Toilettenfußboden des Bürgermeisters. Auf diese Weise bekam der Schweinestall einen besseren Fußboden als das Wohnhaus, dessen Boden immer noch aus fest gestampfter Erde bestand. Durch den Fliesenboden war der Stall leichter zu säubern. Spritzte man ihn nur mit dem Wasserschlauch ab, verschwanden Essensreste und Fäkalien im Abfluss. „Die Sauberkeit des Stalles ist von großer Wichtigkeit für die Gesundheit und die Reproduktion der Muttersau“, hatte der verstorbene Kang Teko gesagt.
Einige Monate später war die erworbene Muttersau nicht mehr da. Doch der Stall wimmelte von kleinen Ferkeln. Eins von ihnen würde die neue Muttersau werden, die anderen sollten nach drei Monaten verkauft werden. Ein Händler kam eigens mit einem Pick-up voller Schweinetragekörbe kommen. So wurde der Verkauf erleichtert und Kang Teko musste keinen Weg machen. So erhöhten die Schweine den Lebensstandard von Yu Taris Familie. Alle Kinder konnten eine Schule besuchen, nicht nur Sulastri, Temons ältere Schwester.
Als Sulastri im dritten Jahr die Koranschule besuchte, ereiferten sich Vater und Tochter in einen großen Streit, lauter als die 36 Ferkel, die sich um die Zitzen am Mutterleib balgten.
„Ich habe in diesen drei Jahren schon große Geduld bewiesen, aber immer noch gehst du keinem Broterwerb nach, der halal ist, einem anderen als der Schweinezucht …!“
„Was weißt du schon vom Leben? Ich bin es leid immerfort Geduld, Ausdauer und Besonnenheit mit dir zu haben. Das ist doch höchstens eine Unterhaltung für Verlierer.“
Sulastri konnte dem nichts entgegensetzen. Sie weinte und schrie und brach auf Yu Taris Schoß zusammen. Diese ließ Sulastri ihr Gesicht in ihrer Umarmung vergraben. Sie streichelte ihre Tochter um ihr aufgewühltes Herz zu beruhigen. Yu Tari wischte ihr die Tränen ab. Dabei kam kein Wort über ihre Lippen, bis Sulastris Tränen versiegt waren. Sie holte ein Glas Wasser und Lastri trank es. Dann erst versuchte sie so gut es ging mit ihrer Tochter zu sprechen.
„Lastri, wie dem auch sei, er ist doch dein Vater. Lernt ihr in der Koranschule nicht, eure Eltern wertzuschätzen?!“
Sulastri antwortete nicht, sie kämpfte noch mit den Tränen und ihr Atmen ging stoßweise. Yu Tari sprach vorsichtig weiter.
Früher hatte dein Vater gar nichts, nicht einmal einen Himmel und eine Hölle, so wie du sie kennst. Aber er wurde niemals müde, für uns alle Gutes zu tun. Für mich, für dich, für seine Eltern, sogar für Andere.“
Der Garten wurde allmählich immer schattiger, die Sonnenstrahlen glitten nicht mehr durch die Bäume hindurch. Gleich würden die Lampen angezündet werden müssen, bevor das ganze Dorf in Dunkelheit versank. Kang Teko war spät dran, den Stall sauber zu spritzen. Ein Ferkel quietschte, warf sich auf die Seite, um zu verhindern, dass seine schmutzigen Beinchen vom Wasserstrahl erwischt wurden.
Am nächsten Morgen stand Yu Tari wie gewöhnlich in aller Frühe auf und bereitete das Frühstück zu. Nachdem die Kinder zur Schule aufgebrochen waren, duschte sie und machte sich auf den Weg zum Reisfeld. Von dort brachte sie nicht jeden Tag Geld mit nach Hause, denn in der Erntesaison wurden Landarbeiter wie Yu Tani mit Reis bezahlt. Yu Tani kehrte zurück, als Kang Teko gerade damit beschäftigt war, die Schweinetragekörbe am Brunnen zu säubern.
„Morgen werde ich alle Schweine verkaufen“, sagte Kang Teko, während er die Schweinetragen abbürstete und immer wieder ausspülte. Yu Tari legte die Dinge, die sie auf dem Reisfeld gebraucht hatte, neben den Brunnen und kühlte ihren Körper mit dem erfrischenden Wasser.
„Dann kaufen wir uns einen Pick-up, den wir vermieten können. Zum Transport von Reis, Holz, Steinen oder was auch immer. Diesen Schweinekorb werde ich auf der Fahrerkabine befestigen, als Zeichen dafür, dass Schweine uns in unserem Leben mal eine große Hilfe waren.“
Yu Tari lachte, als sie das hörte. Ihr Lachen steckte Kang Teko an.
„Willst du den Wagen nicht gleich auch noch mit Blütenwasser übergießen?“, scherzte Yu Tari. Sogleich erwiderte Kang Teko energisch „Suk Suro!“
Beide lachten schallend, als sie durch den Garten ins Haus gingen. Kang Teko verwahrte den Korb auf den Schrank.
Als einige Tage später bereits alle Schweine verkauft waren, wurde Sulastri plötzlich ernstlich krank. Der Arzt der Krankenstation konnte nicht helfen und sie musste ins Krankenhaus in der Kreisstadt gebracht werden. Auch dort waren die Ärzte ratlos, so dass sie in die Provinzhauptstadt Yogyakarta gebracht wurde. Nach zwei Wochen Behandlung dort war Sulastri außer Lebensgefahr, aber das Geld aus dem Verkauf der Schweine war für Sulastris Genesungskosten ausgegeben worden, Medizin, Arztrechnungen, Krankenhauskosten, Transport, Unterkunft und Essen während Sulastris Krankheit. Kang Tekos Plan war zerstört. Obwohl er es sich nicht anmerken ließ, war Kang Teko sehr niedergeschlagen.
An diesem Morgen kochte Yuk Tari ihm einen heißen Tee wie an jedem hellen Morgen. Die Vögel jagten sich von einem Baum zum anderen, kamen und flogen wieder davon aus dem Garten, mit Ausnahme des Todesvogels auf dem Wipfel des Kemitirbusches. Mittags klagte Kang Teko über Fieber, er hatte kalte Schweißausbrüche, Schweißperlen so groß wie Maiskörner. Yu Tari massierte ihn mit einer 2,5-Cent-Münze von 1885 aus der niederländischen Kolonialzeit, ein Erbstück, dass sich als Stütze der Familie erwiesen hatte und häufig zum Massieren gebraucht wurde. Nach der Massage fiel Kang Teko in tiefen Schlaf. Als Yu Tari vom Reisfeld zurückkam, schlief Kang Teko immer noch … und sollte nie wieder aufwachen. Yu Tari schrie auf, als sie bemerkte, dass Kang Teko nicht mehr lebte. Danach ließ sich der Todesvogel nie wieder in den Bäumen ihres Gartens nieder. Yu Tari meinte, Kang Teko sei an sitzendem Wind gestorben. Bis zu seinem Lebensende hat er den erträumten Pick-up nicht kaufen können. Der Schweinekorb befand sich immer noch ganz oben auf dem Schrank.
Jetzt auf dem Friedhof vor dem Grab hielt Yuk Tari den Schweinekorb umklammert. Als der Dorfvorsteher die Gebete gesprochen hatte und die Leute begannen ihre Schaufeln zu schwingen, um das Grab zuzuschütten, hinderte sie Yu Tari plötzlich daran.
„Wartet!“
Alle Trauernden verstummten. Starrten Yu Tari mit dem Schweinekorb in der Hand an. Stille.
„Mein verstorbener Mann hat diesen Korb schon lange auf unserem Schrank aufbewahrt, für einen Plan, den er bis zum Ende seines Lebens nicht hat verwirklichen können.“ Yu Tari begann wieder zu weinen. Stockend und unter Tränen kämpfte sie, ihre Rede zu Ende zu bringen.
„So bitte ich euch, diesen Korb zu meinem Mann ins Grab legen zu dürfen.“
Einer der Trauernden antwortete: „Möge Yu Taris Mann seinen Traum in der anderen Welt verwirklichen können!“
„Amen“, erwiderten die Trauernden im Chor. Yu Tari fiel ohnmächtig zu Boden.

Jakarta, Weihnachten 2011

Die Hebamme Christina

Der feuchte Wind aus der Bucht von Wondama blies dem Dorfältesten, der gerade die Grabrede hielt, ins Gesicht.
„Heute hat Papua eine seiner besten Mütter verloren. Die Hebamme Christina, die keine Müdigkeit kannte, Tag und Nacht den Papua-Müttern in Wasior zu helfen, unsere Kinder zur Welt zu bringen. Doch dieses Mal ist es der Hebamme Christina nicht gelungen, sich selbst zu helfen. Christina starb, kurze Zeit nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hatte. Bevor sie ihren letzten Atemzug ausblies, äußerte sie ihren letzten Wunsch, dass ihr viertes Kind Sabrina genannt werden möge …“
Die Trauernden nickten verstehend ohne die Stille zu stören. Ein Mann mittleren Alters mit schwarzer Sonnenbrille, in schwarzer Jeans und schwarzem Hemd mit weißem Untershirt gekleidet, beugte sich in der ersten Reihe nach vorn und flüsterte einer kraushaarigen von Schluchzen geschüttelten Frau etwas ins Ohr.
„Kannten Sie die Hebamme Christina?!“
Die kraushaarige Frau kam mit ihren vollen, sexy Lippen nah an das Ohr des Mannes, um ihre Antwort zu flüstern. Stolz erzählte sie von ihrer guten Freundin Christina. Ihr Flüstern entwickelte sich zu einer eigenen Ansprache im Ohr des Mannes mittleren Alters. Die von der Frau mit den vollen, sexy Lippen geflüsterte Rede konkurrierte mit der des Dorfältesten. Trotz des Flüsterns berührten diese Sätze das Herz des Mannes mittleren Alters tief. Wahrscheinlich weil er schon so lange nichts mehr von Christina gehört hatte. Ich weiß nicht, was die Frau mit den vollen, sexy Lippen genau sagte, aber der Mann mittleren Alters wirkte plötzlich erschrocken. Manchmal schien er die ihm ins Ohr geflüsterten Worte zu wiederholen und manchmal blickte er mit vor Erstaunen geweiteten Augen in die Augen der Frau mit den vollen, sexy Lippen. Doch dann wurde der Mann mittleren Alters kreidebleich, brach zusammen und fiel auf die Frau mit den vollen, sexy Lippen. Fast hätte die Frau geschrien, als der Körper des bewusstlos gewordenen Mannes auf sie fiel. Die Trauergäste gerieten in helle Aufregung. Der Mann mittleren Alters wurde mit vereinten Kräften in das Trauerhaus getragen, während die Leiche der Hebamme Christina auf den Heldenfriedhof gebracht wurde.
Die Straßen waren noch in ziemlich schlechten Zustand, obwohl die Sturmflut schon einige Zeit her war. Das fatale, schlammführende Hochwasser hatte die Stadt Wasior beinahe von der Landkarte getilgt. Mehr als 150 Menschen werden noch vermisst und ungefähr 150 Menschen sind umgekommen. Unzählige haben Verletzungen davongetragen, Haus und Hab und Gut verloren. In Wasior hatte es nie zuvor eine derart verheerende Überschwemmung gegeben. Zur holländischen Kolonialzeit hatte man geglaubt, dass Wasior schöner als Amsterdam werden könnte. Man hatte die besten Bauingenieure und Architekten aus Europa kommen lassen und die schöne Stadt in der Wondamabucht hatte sich herausgeputzt. Viele Holländer waren nach Wasior gezogen bis sie, als sich der zweite Weltkrieg in den Pazifik ausgeweitet hatte, nach Australien hatten flüchten müssen.
Als Christina noch ein Kind war, hatten die Menschen in Wasior, wann immer ein Baum gefällt wurde, vorher ein langes traditionelles Ritual vollzogen. Seitdem Christina erwachsen war, machten die Holzunternehmen in Wasiors Merbaubestand nach dem Belieben ihrer Bäuche Kahlschlag, ohne Rekultivierung oder Aufforstung. Die Merbaubäume waren für Wasior eine Goldgrube, zugleich aber auch eine Katastrophe. Merbaubäume haben viele Namen. Im Osten der Insel werden sie Kwila genannt. Weil ihr Holz so hart ist, dass man keinen Nagel hineinschlagen kann, spricht man im Westteil der Insel von Eisenholz. Das englische Königreich nannte sie Merbaw oder Malakkateak. Die Amerikaner nennen das Holz Moluccan Ironwood und die Wissenschaftler bezeichnen es als fabaceae leguminosae. Wenn man es für Parkett verwendet, dann glänzt das Holz umso mehr und wird umso dunkler, desto mehr Leute darauf herum gelaufen sind. Merbauholz kann man nicht auf dem Fluss treiben lassen, es muss auf einen Lastenkahn geladen werden, denn Merbau gehört zu den wenigen Holzsorten, die im Wasser untergehen. Dieses erstaunliche Tropenholz gibt es nur an zwei Orten auf der Welt, in Papua und in Alaska. Daher ist sein Marktpreis so hoch.
Das Merkwürdige jedoch ist, dass obwohl der Wald schon kahl geschlagen ist und hunderte Menschen schon der Überschwemmung zum Opfer gefallen sind, die Bevölkerung ins Wasior immer noch arm ist. Die Sterblichkeitsrate von Müttern und Kindern bei der Geburt ist auch immer noch sehr hoch. Aus diesem Grund war Christina Hebamme geworden und bis an ihr Lebensende gewesen. Einmal war Miss Indonesien zur Botschafterin der Region gemacht worden und hatte die Tragödie Wasiors in die Welt hinausgeschrien. Doch die Welt hatte es nicht zur Kenntnis genommen. Der Schrei war nicht laut genug gewesen im Vergleich zur Gier der Wölfe der Wirtschaft, Gewinne anzuhäufen, ohne sich um das Gleichgewicht der Natur zu kümmern, ohne sich um die langen Leiden anderer Menschen in einem anderen Teil der Welt zu kümmern. Wahrscheinlich müsste anstelle der Schönheitskönigin Gott selbst der Botschafter Wasiors werden.
Gerade sprach der Pfarrer Dr. Nicolas Tebey in seiner Grabrede davon, dass die Hebamme Christina nun mit Gott eins geworden sei, so könne ihre Energie und ihre Hingabe in Wasior weiterhin Früchte tragen, in unseren Herzen, in denen unser Kinder und Enkel und in den Herzen der Kinder und Enkel unser Kinder. Die Hebamme Christina ist die sanfte Stimme aus Wasior, die der Welt Inspiration sein wird, für jeden, dessen Herz und Denken sich ihr öffnet.

Als der Mann mittleren Alters wieder zu sich kam und seine Augen öffnete, nachdem er über Stunden schwach dagelegen hatte, nahm er als erstes einen weißen Mann an seiner Seite wahr. Er war groß und gutaussehend.
„Bin ich in Europa?“
„Nein, in Wasior, in meinem Haus!“, antwortete der weiße Mann höflich. Der Mann mittleren Alters bemühte sich, seine Erinnerung wieder wachzurufen. Die Rede der kraushaarigen Frau mit den dicken, sexy Lippen war das letzte, an das er sich erinnerte.Er hatte noch nicht all seine Erinnerung zurückgewonnen. Der weiße Mann fragte ihn: „Wer sind Sie?“
„Ich bin ein Freund der Hebamme Christina …“ Der Mann mittleren Alters begann zu erzählen, wie er sie kennengelernt hatte, nämlich als Christina nach Surabaya gefahren war, um einen Aufnahmetest für die medizinische Fakultät zu schreiben. Diese Worte rutschten schnell aus dem Mund des Mannes mittleren Alters heraus.
Die Unzulänglichkeit der Gesundheitsversorgung in Christinas Dorf führte dazu, dass viele Mütter und Kinder die Geburt nicht überlebten. Die Geburt war eine Bedrohung, die vielen Müttern und Kindern in Christinas Dorf Angst machte. Daher wollte sie Ärztin werden. Sie hätte sich auf Gynäkologie spezialisiert, doch leider hatte sie die Aufnahmeprüfung an der medizinischen Fakultät nicht bestanden. Christina war sehr niedergeschlagen, allein in Surabaya. In dieser Zeit haben wir uns kennengelernt und ich riet ihr, Hebamme zu werden. Denn auch als Hebamme könnte sie Müttern bei der Geburt beizustehen.
Nachdem sie die Hebammenschule abgeschlossen hatte, war sie tatsächlich Hebamme geworden. Für Christina war die Geburt das größte Ereignis im Leben einer Frau. Hier lauerte der Tod. Hier war der Moment der animalischen Lust, der oft von Sitten und Gebräuchen verdeckt war, von Höflichkeit, Kultur, Liebe und Leidenschaft. Die Frucht der Liebe hingegen führe die Dialektik des Lebens fort, die Kultur der Völker. Wegen der großen Bedeutung der Geburt schwor Christina: „Sooft mir Liebe begegnet, werde ich meine Liebe mit der Geburt eines Kindes aus meinem Leib ausdrücken. Bei jeder Geburt werde ich den Namen des Mannes, den ich liebe, in die Anfangsbuchstaben der Namen meiner Kinder schnitzen.“
Das letzte, woran ich mich erinnere, bevor ich bewusstlos wurde, waren die Worte der kraushaarigen Frau mit den vollen, sexy Lippen: „Ihre älteste Tochter heißt Ariane, der zweitgeborene Sohn Greg, das dritte Kind, eine Tochter, Ully!“
Ich war völlig fassungslos, hätte beinahe geschrien, konnte mich aber doch noch zurückhalten. Dann wiederholte ich leise die Namen, die mir die kraushaarige Frau mit den dicken, sexy Lippen genannt hatte: Ariane, Greg, Ully. Und in seiner Rede hatte der Dorfälteste Christinas letzten Wunsch wiedergegeben, dass ihr viertes Kind Sabrina heißen solle. Ich konnte es nicht glauben! Ariane-Greg-Uly-Sabrina. Oh Nein, nicht! Nicht! Nicht! Das ist nicht möglich! Ich fühlte, dass die Welt sich immer schneller um mich drehte, dass es immer dunkler wurde, als stürze der Berg Tembaga Pura auf mich herab. Ich fühlte mich von einer Last der Reue erdrückt, die ich nicht tragen konnte. Eine lange Reue, so tief wie die Liebe der Hebamme Christina zu mir. Eine derart große heimliche Liebe, dauerhaft und tief, so tief wie die Mine von Millionen Tonnen Uran und Gold in dem Siebengebirge Tembaga Pura. Eine Liebe die über lange Zeit mit anderen Nationen dieser Erde in Konkurrenz stand, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Christina hatte an dieser Liebe ihr leben lang festgehalten und sie schließlich mit ins Grab genommen.
Doch plötzlich hielt der Mann mittleren Alters in seinen Betrachtungen inne, ihm wurde bewusst, dass er gar nicht wusste, wer der Mann an seiner Seite war. Daher fragte er den Weißen: „Wer sind Sie?“
„Ich bin Christinas Mann! Daniel!“
Kraftlos erwiderte der Mann mittleren Alters Daniels Händedruck und nannte seinen Namen, dessen Buchstaben von den Anfangsbuchstaben von Christinas Kindern gebildet wurde.
Ein feuchter Windstoß aus der Bucht von Wondama streifte die Gesichter der beiden Männer aus unterschiedlichen Ländern. Zwei Männer, versunken in großem Bedauern über dieselbe Frau aus unterschiedlichen Gründen.

Solo, 21 Agustus 2012

Roro Jonggrang van Koblenz

Bevor ich in mein Heimatland zurückkehren würde, wollte ich unbedingt noch einmal nach Deutschland. Was auch immer bisher passiert war, vielleicht konnte ich noch etwas tun, um unsere Beziehung zu retten. Wenn nötig, würde ich ihr direkt einen Heiratsantrag machen. So dachte Bagus auf seinem Lufthansa Flug Paris – Frankfurt. Ein Flug zu kurz für den kostenlosen Wein – auf denen viele Studenten wie Bagus aus waren – aber das war wirklich nicht das Problem. Er hatte Angst Renée zu verlieren. Er fühlte sich niedergeschlagen.
In Frankfurt nahm Bagus einen Zug Richtung Köln und stieg in Koblenz aus, dem Ort in dem Renées Eltern seit ihrer Pensionierung lebten. Eine Stadt von etwa 600.000 Einwohnern, von der Einwohnerzahl her mit der Stadt Solo auf Java vergleichbar. Außerdem kann man Koblenz als das Bethlehem des Sozialismus bezeichnen. Das war ein anderer Grund für Agus hier Station zu machen. In einer Stadt ganz in der Nähe, in Trier, war Karl Marx, der Prophet des Sozialismus, zur Welt gekommen. Ein Philosoph mit großem Einfluss auf unzählige Menschen in vielen Bereichen und Ländern. Auch in Indonesien hatte er Einfluss gehabt, auf Bung Karno, den ersten Präsidenten nach der Unabhängigkeit des Landes, auf Bung Hatta, Bung Syahrir, Tan Malaka, Muhammad Natsir, Haji Misbach, Semaun, Alimin, Amir Syarifuddin, DN Aidit, Abdul Rahman Wahid und viele andere. In den Philippinen auf Jose Rizal. In China auf Mao Tse Tung. Auf Ho Chi Minh in Vietnam, Joseph Bross Tito auf dem Balkan, der früher Jugoslawien hieß. Auf Nehru in Indien, Gamal Abdul Nazer in Ägypten, Fidel Castro in Kuba. Nelson Mandela, Julius Nyere, Steeve Biko und andere in Afrika. Mahammed Salem Basindwa und Yassin Noman in Süd-Jemen, Simon Perez in Israel, Yasser Arafat in Palästina, Simon Bolivar und Che Guevara in weiten Teilen Latein Amerikas, Hugo Chaves in Venezuela, Jose Daniel Ortega Saavedra in Nicaragua, Lech Walesa in Polen, Willy Brand und Friedrich Ebert in Deutschland. Olaf Palmer in Österreich, die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff, auf Ivan Illich, Paulo Freire und andere bekannte brasilianische Wissenschaftler. Auch auf den französischen Intellektuellen Louis Althusser und den spanischen Maler Picasso, auf den chilenischen Autor und Diplomaten Pablo Neruda, die englische Musikerin Tracy Chapman, den amerikanischen Musiker Carlos Santana, den Musiker Bob Marley aus Jamaica, den deutschen Geisteswissenschaftler Adorno, den italienischen Intellektuellen Gramsci und viele mehr überall auf der Welt, bis hin zu Bagus Generation aus Java und Renée in Koblenz.
Bagus Brust bebte, als er Renée in einer einfachen, geblümten Bluse in pastellblau sah. Sie hatte einen außergewöhnlichen Charme, eine Mischung aus Scarlett Johansson und Segolene Royal, die unter Studenten in Paris sehr beliebt war.
„Bekomme ich keinen Kuss und keine Umarmung? Ich armer Mann vom anderen Kontinent…!“
Widerstrebend umarmte Renée Bagus. Ein flüchtiger Kuss aber eine feste Umarmung, wie eine Python ein Schwein umschlingt. Bagus spürte es bis auf den Grund seines Herzens. Eine Umarmung zweier Körper in Harmonie ohne das Bedürfnis, sich wieder trennen zu wollen. Er fühlte sich angenommen, nah, warm und ein schwer erklärbares ganz besonderes Gefühl, das ihm ganz real erschien, erfüllte ihn.
„Ich habe dich enttäuscht.“
„Ich dich auch …“, erwiderte Renée kurz, kraftlos, indem sie sich aus der Umarmung löste und Bagus sie ein letztes Mal auf die Lippen küsste.
„Wir werden alles wieder gerade biegen …“
Der Rhein und die Mosel fließen in der vor über 2000 Jahren erbauten Altstadt von Koblenz zusammen. Beide Flüsse flankieren den dreieckigen Komplex der Kastorkirche aus dem 11. Jahrhundert. Eine Barockkirche mit vier Türmen, die wie ein Tempel wirkt. Bagus und Renée setzten sich in ein Café in der Nähe des Deutschen Ecks, einem großen Felsen, der nie von der Strömung der beiden sich treffenden Flüsse weggespült worden ist. Auf diesem riesigen Felsen sitzt der deutsche Kaiser Wilhelm I hoch zu Ross, auf einem Pferd von 14 m Höhe, eine Skulptur des Bildhauers Bruno Schmitz, stolz, siegreich und triumphierend.
Seinem Sieg war sicherlich das Aussaugen von Kolonien vorangegangen, so wie das Königreich der Niederlande, das auf Java, Sumatra, Sulawesi und Papua getan hat. Ebenso England, Frankreich, Spanien und Portugal bei ihren Kolonien, sagte Bagus bei sich. Wenn Renée und ich heirateten, zu welchem Land würden sich unsere Kinder dann später zugehörig fühlen? Deutschland? Indonesien? Oder so wie Max Havelar? Ach das war viel zu theoretisch.
„Warum gehen wir nicht im Fluss schwimmen?“
„Denkst du das dies der Gajahwong ist?“, antwortete Rene lächelnd, während sie die Speisekarte aus der Hand des jungen Kellners nahm. Dieser war ganz in weiß gekleidet und trug eine Schürze mit roten Herzen.
Als Renée früher in Java gewesen war, waren sie oft zusammen im Oberlauf des Gajahwong schwimmen gegangen. Es gab einen nicht sehr hohen Wasserfall, bevor der Fluss den Campus der Gajah Mada Universität in Yogyakarta erreichte. Sein Wasser war noch nicht durch den Müll der Stadt verseucht. Das Wasser klarer als das in Danoneflaschen. Bagus hatte auf dem Markt Beringharjo Batiktücher gekauft, damit sie in diese Tücher gewickelt zum Fluss gehen konnten, so wie die Einheimischen es machten. Bis schließlich ein Erdbeben die Gegend erschüttert hatte und die kalte Lava des Vulkans Merapi den Wasserfall völlig bedeckt hatte. Von allen Einwohnern Yogyakartas war Bagus wahrscheinlich derjenige, der deswegen den größten Verlust empfand, weil dieser Wasserfall für Bagus mit seiner wehmutsvollen Erinnerung an seine gemeinsame Zeit mit Renée verbunden war.
Renée bestellte zwei brasilianische Kaffees mit Milch und einige Scheiben Brot, bevor sie den Kellner mit seiner rotbeherzten Schürze gehen ließ.
„Hast du hier schon mal jemanden schwimmen sehen?“
„Nein, aber dann könnten die Leute mal sehen, dass wir es tun.“
„Es ist zu kalt, Bagus. Wir würden erfrieren, wie zwei Krabben im Eisschrank. Das Wasser ist hier nicht so warm wie im Gajahwong.“
Der junge Kellner mit der besonderen Schürze servierte den Kaffee. Der aufsteigende Dampf verbreitete ein reizvolles Aroma.
Die Unterhaltung der beiden kam in Fluss, ließ die Beklommenheit dahinschmelzen. Doch Renée wollte nicht plötzlich wieder mit Bagus zusammen sein. In vielen Fragen hatten sie noch kein Einigung erreichen können. Renée und ihre Familie wollten, dass Bagus sein Studium in Deutschland fortsetzte, aber das konnte Bagus sich nicht vorstellen. Bagus wollte viele Kinder haben, Renée nicht. Auch über einige kleinere Dinge, für die es durchaus Lösungen gab, waren sie noch uneins. Die beiden schienen einfach aus allem ein Problem machen zu wollen. Abgesehen davon fühlte Bagus sich immer noch sehr zu Renée hingezogen. Dies beruhte auf Gegenseitigkeit. Doch Renée zögerte eine Entscheidung zu treffen. Ihr Zögern verlieh Renée eine bezaubernde Ausstrahlung und Bagus schaute ihr gern in die Augen.
„Warum guckst du mich so an…?“
„Du bist wie Roro Jonggrang!“
„Wer ist das?“
„Jonggrang war eine junge Frau, die sich scheute, einen jungen Mann, der in sie verliebt war, zurückzuweisen. Schließlich hat sie ihn dann angenommen. Sie nahm ihn mit einer Art Abwehr an. Und die Abwehr bestand in einer Bedingung. Roro Jonggrang musste 1000 Tempel bauen, bevor der Hahn morgens zum ersten Mal krähte“
„Hmm… deine Roro Jonggrang hätte Talent zur Diplomatin oder Politikerin gehabt.“
„Genau!“, antwortete Bagus schnell, kurz und enthusiastisch. Aber er setzte seine Rede nicht gleich fort. Er wartete auf eine weitere Reaktion von Renée. Aber Renée verlor die Geduld.
„Und wie war der Erfolg?“
„Wessen?“
„Des verliebten jungen Mannes“
„Fast hätte er es geschafft!“
Renée war neugierig und wollte nicht auf Bagus Erläuterungen warten. Doch sie versteckte dieses Gefühl hinter einem Lächeln. Der Wind verfing sich in ihrem blonden offenen Haar. Wie schön wäre es, alles Schöne in Koblenz zu bekommen.
„Er hatte bereits 999 Tempel gebaut. Das Universum lag noch in tiefem Schlaf und der erste Hahn hatte noch nicht gekräht …“
Dieser Satz warf in Renées Kopf Fragen auf und genau das hatte Bagus beabsichtigt und zwar erfolgreich. Renée konnte ihre Neugierde nicht länger verstecken und fragte sogleich wissbegierig,
„Wie hat er das geschafft?“
„Wer verliebt ist, kann alles schaffen!“
Renée schwieg. Bagus ebenso. Der Wind von Mosel und Rhein strich zwischen den beiden jungen Leuten im Cafe hindurch. Bagus nahm seinen Löffel und nahm Zucker für seinen Kaffee. Renée folgte seinem Beispiel, so dass man das Geräusch des Umrührens von Löffeln in Gläsern hören konnte, denn sonst war es still. Bagus nahm einen Schluck Kaffee und Renée brach das Schweigen: „Aber ganz hat er es nicht geschafft? Nur fast?“
„Ja, denn Roro Jonggrang sah, dass der junge Mann nicht zu stoppen war. Daraufhin stieg sie auf einen der Tempel und öffnete ihr Mieder. Der verliebte Mann unterbrach seine Arbeit für einen Augenblick und betrachte Roro Jonggrang und ihre entblößte Brust. Pass auf junger Mann, nicht dass Bathara Surya – die Sonnengöttin – vor der Zeit aufsteht, wenn sie erfährt, wie herausfordernd und voller Leidenschaft Roro Jonggrang da steht, und tatsächlich machte sich die Sonnengöttin früher als sonst auf den Weg. Und das Echo der Krähens der Hähne weckte das Universum an diesem frühen leidenschaftlichen Morgen aus seinem Schlaf.“
„Eine tolle Frau!“
„Du auch! Mein Volk verehrt sie als ein Symbol für Liebe und Macht im Tempel Prambanan, schon viele Jahrhunderte bevor die Statue des Deutschen Eck geschaffen wurde.“
„Wie interessant. Das wusste ich nicht.“
„Das ist eins unserer Probleme, wir denken immer alles zu wissen, obwohl es Dinge gibt, die wir noch nicht wissen.“
Bagus hielt seinen Satz für sehr wirkungsvoll, aber Renée fand nichts Besonderes daran. Bagus war sehr erregt, versuchte es aber zu verbergen.
„Bagus, gibt es etwas, dass ich noch nicht weiß?“
„Gibt es!“, antwortete Bagus voller Begeisterung und erhob sich von seinem Stuhl, griff in seine Hosentasche und holte einen Ring, den er in Paris gekauft hatte, heraus. Er öffnete die Dose und kniete vor Renée nieder.
„Oh, tu das nicht, Bagus …“
Renée stand auf, wandte sich von Bagus ab und ging in Richtung Zaun. Ihr Blick durchdrang die kalte Luft in Koblenz und erreichte die Turmspitzen der Kastorkirche. Dann wandte sie sich wieder Bagus zu, lehnte sich an den Zaun und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Renée, gibt es etwas, das ich noch nicht weiß?“
„Ich habe schon einem anderen Mann ein Versprechen gegeben!“
Niedergeschlagen ging Bagus auf Renée zu. Renée hatte nicht den Mut, seinen Blick zu erwidern und ließ ihren Blick weit auf die Mosel hinaus schweifen. Sie klammerte sich mit den Händen an den Eisenzaun, als könne sie ihr Gewicht nicht anders halten.
„Renée, wer ist der glückliche Mann? Kenne ich ihn?“
„Ja!“
Bagus umarmte Renée von hinten und gab ihr einen Kuss auf den Nacken. Traurig fragte er,
„Wer ist es, Renée?“
„Der Mann, mit dem wir zusammen in Südafrika waren.“
Bagus wisperte, ein Löwe aus Südafrika habe Roro Jonggrang van Koblenz zerfleischt.

Jakarta, 7 Juli 2011
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